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Dr. Georg Sauer

Foto: Dr. Georg Sauer

Dr. Sauer mit 2 Jungvögel aus dem Jahr 2006

Meine Beobachtungen der Kleinen Vasapapageien
von Dr. Georg Sauer


Im Oktober 2000 erwarb ich 2,1 Kleine Vasapapageien der Unterart Coracopsis nigra nigra (Nominatform), welche im Jahre 1998 im Vivarium Darmstadt geboren wurden. Da es sich hier um Geschwister handelte, tauschte ich im Herbst des folgenden Jahres das Weibchen gegen ein gleichaltriges Tier. Obwohl es genügend Berichte gibt, dass in menschlicher Obhut Kl.Vasapapageien auch als Paar Junge ziehen können, wollte ich bei einem „Trio“ bestehend aus einem Weibchen und zwei Männchen bleiben; denn dies soll in „Freier Wildbahn“ der Normalfall sein. Ja, in freier Wildbahn sollen es bis zu fünf Männchen sein, die ein fortpflanzungsbereites Weibchen zumindest mit Futter versorgen.

Meine Kleinen Vasa´s, die ich auch unter dem Aspekt der ungewöhnlichen Brutbiologie studieren wollte, halte ich in einem Hochgehege mit den Maßen 1,5 m breit, 1,5 m hoch und 3,5 m lang. Unter dieser Außenvoliere, welche zum größten Teil mit russischem Wein umwachsen ist, befinden sich unsere Mülltonnen, und das Ganze steht direkt (ca. 4m) gegenüber unserem Hauseingang. Die Vögel mussten sich also an uns Menschen gewöhnen. Dies hat jetzt den Vorteil, dass ich die Tiere unbehelligt aus dem Küchenfenster, aber auch ohne großes Versteckspiel direkt neben der Voliere stehend beobachten kann.

Gefüttert werden meine Kleinen Vasapapageien, im Wesentlichen wie Großsittiche. Sie nehmen relativ viel Grünes (Löwenzahn, Kopfsalat, Kiefern- und Obstbaumzweige usw.) auf und bevorzugen vom Obst die saueren Früchte (Äpfel, Kiwi, Pampelmuse u. sogar Zitrone). Im Sommer wird das Körnerfutter in angekeimtem Zustand gegeben. Zusätzlich gibt es in dieser Zeit ein handelsübliches Eifutter, welches mit zerkleinertem Apfel gereicht wird.

In der beheizbaren Innenvoliere (2 m x 1,5 m x 2 m) befanden sich zwei Nistkästen (davon ein Naturstamm), in denen bereits Amazonen gebrütet hatten. Diese beiden Kästen mit einem Durchmesser von ca. 30 cm und einer Höhe von 50 bis 60 cm wurden von beiden Vasa-Weibchen (das erste „legte“ bereits 2001 zwei Eier „von der Stange“) total ignoriert. Im Juli 2003, als die Tiere gerade in höchster Brutstimmung waren, stellte ich einen 160 cm hohen Stamm mit einem Höhlendurchmesser von über 40 cm und einer 12 cm breiten Öffnung auf einen Sockel in die Innenvoliere. Diese fast bis zur Decke reichende Nisthöhle wurde von dem Weibchen noch am gleichen Tage und dann noch mehrmals aufgesucht. Zu einer Eiablage kam es in diesem Jahr zwar noch nicht, aber die Frage der Nisthöhle konnte als geklärt gelten.

Ein besonderes Thema bei meinen Kleinen Vasapapageien ist das Paarungsverhalten. Während die sehr robust wirkende Partnerfütterung mehr oder weniger fast über das ganze Jahr, aber verstärkt ab den Wintermonaten zu beobachten ist, deutet sich die Paarungszeit mittelfristig nach Abschluss der Frühjahrsmauser mit dem Hellerwerden der Schnäbel an. Richtig „interessant“ wird es aber erst, wenn die Kloaken der Tiere auf Kastanien- bis fast Hühnereigröße anschwellen. Jetzt haben die Vögel die körperliche Voraussetzung für Kopulationen. Kopulationen konnte ich allerdings im ersten Jahr (2001), als das Weibchen immerhin auch zwei Eier produzierte, nicht beobachten. Dies war auch im folgenden Jahr mit dem nun blutsfremden Weibchen nicht der Fall. Im darauf folgenden Jahr, als ich den Tausch der Nisthöhlen durchführte, konnte ich die für Kleine Vasapapageien typischen Kopulationen ebenfalls nicht sehen. Dafür führten sie mir eine regelrechte Orgie von Tretakten nach dem Muster der meisten Vögel vor. Hätte ich dies nicht mit der Videokamera festgehalten, würde ich es heute vielleicht selbst nicht mehr glauben. Die „richtigen“ Kopulationen nach Vasa-Art registrierte ich dafür in diesem Jahr (2004) um so häufiger. Die beiden Partner sitzen hierbei ganz dicht nebeneinander, sodass man praktisch nur einen Vogel mit zwei Köpfen, welche sich zärtlich schnäbeln, und etwas verdrehten Flügelenden sieht. Die beiden geschwollenen Kloaken sind jetzt natürlich total verschmolzen.

Circa zwei bis drei Wochen, nachdem ich die erste Kopulation meiner Kleinen Vasapapageien sah, kam es auch zu der ersehnten Eiablage (am 28.06.04). Die Enttäuschung war diesbezüglich allerdings groß, denn trotz der vermeintlich richtigen Nisthöhle, welche auch in den letzten zwei, drei Wochen häufig aufgesucht wurde, lag das erste Ei auf dem Boden der Innenvoliere – zerbrochen. In meiner Ratlosigkeit legte ich ein Zwerghuhn-Ei von fast der gleichen Größe in die Nisthöhle, damit das Tier sieht, wohin die Eier zu legen sind. Die Vasa-Henne dachte sicher anders, denn das Ei war bei der Nistkontrolle am Folgetag spurlos verschwunden. Das Zwerghuhn-Ei muss also gefressen worden sein. Die Ratlosigkeit war jetzt groß, denn ich konnte mir nicht vorstellen, dass ein Eierfresser diese Untugend auch mal ablegen könnte, zumal in den nächsten Tagen keine Spur eines weiteren Eies zu entdecken war. Erst am 03. Juli nachmittags lag ein Vasa-Ei im Kasten. Da kein Zwerghuhn-Ei greifbar war, musste das Original-Ei im Kasten bleiben. Ungern trat ich jetzt für ein paar Tage eine Reise an. Am 05.07. teilte mir mein Sohn per Telefon mit, dass es inzwischen zwei oder drei Eier geworden seien. Also musste ich nach meiner Rückkehr nur noch warten, bis das Weibchen ihr Nest verlässt, um die Eier zählen zu können. Nun, es war nur ein einziges Vasa-Ei, welches ich sofort durch ein Zwerghuhn-Ei ersetzte und in den Brutapparat legte. Dem Schierergebnis zufolge war es zu diesem Zeitpunkt noch nicht angebrütet. Am Folgetag, dem 10.07. war ein weiteres Ei gelegt, welches ich ebenfalls durch ein Zwerghuhn-Ei ersetzte. Das Vasa-Weibchen brütete jetzt ganz fest auf den beiden vertauschten Eiern und ließ sich an der Nisthöhlenöffnung von ihren beiden Hähnen füttern. Außerhalb der Bruthöhle wurde es während der gesamten Brutdauer nicht gesichtet und die teilweise sehr heftigen Lautäußerungen während der Balz wichen jetzt einer eigenartigen Stille.

Damit die Jungen bei ihrer Mutter schlüpfen, legte ich die beiden angebrüteten Eier aus dem Brutapparat am 17.07. der festsitzenden Vasa-Henne unter und entfernte die Zwerghuhn-Eier. Am 26. Juli hörte ich dann erstmals das ersehnte Piepsen im Kasten und am 28. Juli verließ die junge Mutter erstmals mit schrillen Lauten ihre Nisthöhle und den Innenraum. Durch das heftige Geschrei, welches ja auch Feinde aufmerksam machen könnte, sollen in freier Wildbahn sicher die männlichen Vögel zur Fütterung herbeigerufen werden. Trotz emsiger Fütterung des Weibchens durch beide Männchen und sofortiger Weitergabe des Futters an die Jungen hatten diese nie einen gefüllten Kropf. Bei anderen Papageien oder Sittichen müsste man hier unweigerlich auf schlechtes Füttern durch die Elterntiere schließen. Obwohl ich einmal bereits die gefüllte Futterspritze in der Hand hatte, habe ich auf Grund der intensiven Beobachtung auf ein Zufüttern verzichtet. Durch das schnelle Wachstum der Vögel kommt es ganz einfach zu keiner Futterbevorratung im Kropf. Die beiden Jungtiere wuchsen so schnell, dass sie bereits mit einer Woche mit den eher zu großen 9,5-er Ringen (am 01.08. und 02.08.) beringt wurden und am 31.08. bzw. 01.09. ausflogen. Gefüttert wurden die frisch ausgeflogenen Jungen grundsätzlich nur von ihrer Mutter, welche natürlich von ihren beiden Partnern intensiv mit Futter versorgt wurde. Diese Vorgehensweise registrierte ich noch Mitte November bei den inzwischen längst futterfesten Tieren. Die hornfarbenen Schnäbel der Elterntiere begannen übrigens bereits wenige Tage nach dem Schlupf der Jungen wieder dunkler zu werden und mit dem Ausfliegen der Jungtiere setzte auch die Herbstmauser ein.

Ein interessantes und viel diskutiertes Thema sind die Partnerbeziehungen in diesem Elterntrio. Bei meinen Beobachtungen konnte ich nie ein dominantes Männchen ausmachen. Bei der Fütterung des Weibchens und später auch bei den Kopulationen gab es nie Drängeleien oder gar Kämpfe. Das Sagen hat bei meinen Vasa´s eher das Weibchen, welches z.B. das Füttern mit einem Schnabelhieb beendet und sich u.U. anschließend sofort vom anderen Männchen weiter füttern lässt.







Fortsetzung des Berichtes 2006:

Nachdem mir 2004 die Aufzucht von zwei jungen Kleinen Vasapapageien gelungen ist, ging ich davon aus, dass nun „das Eis gebrochen sei“ und ich nun nur noch die Nachzuchten zu registrieren und natürlich auch beobachten müsste. Für die Beobachtung der Vögel im Nistkasten besorgte ich mir eine Infrarotkamera und für den Austausch der Eier lagen jetzt Kunststoff-Eier bereit.

Das 2005–er Gelege (insgesamt 4 Eier) tauschte ich also alsbald nach der Ablage durch Kunsteier aus und bebrütete die „echten“ Eier zehn Tage in der Brutmaschine. Da ich per Überwachungskamera die Henne beim fürsorglichen Bebrüten der Kunsteier beobachten konnte, glaubte ich, kein Risiko einzugehen, als ich die echten Eier bereits ca. sechs Tage vor dem errechneten Schlupf in Naturbrut überführte. Am Monitor musste ich nun verfolgen, wie die Vasa – Henne fast vier Stunden benötigte, ehe sie ihre eigenen Eier entgültig akzeptierte und sie nicht mehr mit dem Schnabel durch die Nisthöhle schleuderte. Alle vier Eier trugen Schäden an der Schale davon und alle vier Vögel starben noch im Ei.

In diesem Jahr (2006) wollte ich es nun ohne einen Austausch der Eier versuchen, da ich hoffte, dass die „Eierfresserei“ wohl nun vergessen sei. Doch das am 08. Juli gelegte Ei war am Folgetag verschwunden. Die Frage, ob es die Henne oder ein Hahn verspeist hatte, ist wohl nicht von praktischer Bedeutung. Tatsache ist, dass meine Vasapapageien für die Naturbrut sicher nicht geeignet sind. So legte ich die drei gesammelten Eier (welche übrigens immer ziemlich genau gegen 17°° Uhr gelegt wurden) am 14. Juli gegen 18°° Uhr in die Brutmaschine. Zwei dieser Eier und ein am 16. Juli gelegtes Ei waren befruchtet. Aus den zwei am 14. Juli eingelegten Eiern war am 29. Juli früh ein deutliches Piepen zu hören. Dies war für mich das Zeichen zum „Umquartieren“ dieser beiden Eier, wozu ich auch noch das unbefruchtete Ei legte. Am 30. Juli früh war via Überwachungskamera zu sehen, dass die zwei Jungen geschlüpft sind, was eine Brutdauer von fünfzehneinhalb Tagen ergibt.

Der Schlupf des letzten Eies verlief ebenfalls problemlos, und auch das unbefruchtete Ei blieb noch eine Woche (bis es entfernt wurde) unversehrt. Daraus könnte man schließen, dass als „Eierzerstörer“ ein Hahn in Frage kommen könnte. Denn während der Brutzeit und an den ersten Tagen des Huderns verlässt die Henne nicht die Nisthöhle.

Im Gegensatz zu den Bruten in den beiden vergangenen Jahren wurde in diesem Jahr die extrem auffallende Stille während der Brutzeit vermisst (Das Pfeifen der Hähne war nur etwas Schwächer). Drei bis vier Tage nach dem Schlupf huderte die Henne scheinbar wegen der extrem hohen Außentemperaturen nur noch selten. Während der Futteraufnahme war sie aber für meine Begriffe ebenfalls lauter, als bei ihrer Aufzucht vor zwei Jahren. Mit ihrem zwar melodiösen, aber sehr lauten „Dreiklangpfeifen“ begleitete sie nahezu jeden Happen. Ihre Jungen fütterte sie scheinbar noch intensiver, als bei der ersten Brut (vor zwei Jahren); denn besonders in der ersten Lebenswoche waren die Kröpfe doch mehrmals prall gefüllt. Die Beringung erfolgte übrigens wieder am achten Lebenstag (diesmal mit Ringen aus Kunststoff und mit einem Durchmesser von 9,0 mm).

Auf das Verlassen der Nisthöhle durch die Jungvögel musste ich in diesem Jahr etwas länger warten, denn erst am 08. September (mit 40 Tagen) war dies bei dem ersten Jungvogel der Fall. Bei der Brut vor zwei Jahren begannen sie ihre Umwelt außerhalb der Bruthöhle bereits mit 37 bzw. 38 Tagen zu erkunden. Offensichtlich versuchte auch die Mutter das Verlassen der Höhle zu erzwingen, denn sie fütterte ihren Nachwuchs in den letzten 3 – 4 Tagen nur noch an der Bruthöhlenöffnung. Die Jungen mussten also zum Fressen in der Höhle an dem angebrachten Drahtgeflecht ca. 1 m emporklettern, und machten es sich anschließend wieder im Höhlengrund bequem. Die beiden anderen Jungvögel verließen die Bruthöhle erst am 09. September, was bei einem der beiden immerhin 41 Tage nach dem Schlupf bedeutet. Ihr Gefieder ist noch etwas struppig und es fällt bei den Jungtieren noch ein sichtbar kleinerer Körperumfang gegenüber den Elterntieren auf, 3 bis 4 Wochen nach dem Ausfliegen waren die Jungvögel allerdings genauso kräftig, wie die Elterntiere. Übrigens, meine Kleinen Vasapapageien verhielten sich– vierzehn Tage nach dem Ausfliegen – auffallend ruhig. Die Nachbarn konnten also auch mal ruhig durchatmen.